Johann Christoph Blumhardt (1805–1880)

Vor gut 150 Jahren ließen Ereignisse in Möttlingen bei Calw ganz Württemberg aufhorchen. Ein Pfarrer Blumhardt habe den Teufel aus einer jungen Frau namens Gottliebin Dittus ausgetrieben, anschließend eine Erweckung seiner Gemeinde erlebt. Mit der Zeit hätten sich auch wunderbare Heilungen an vielen Menschen ereignet; der Zustrom sei gewaltig.

 

Schlagzeilen verzerren und wirken oft lange nach. Von Hilfesuchenden als rettender Anker aufgesucht und verehrt, wird Blumhardt von ,aufgeklärten‘ Zeitgenossen eher mit spitzen Fingern angefaßt und in die Rubrik ,pietistischer Wunderheiler‘ verbannt – Schubladen können Gefängnisse sein. Herausführen kann nur eine sachliche Würdigung.

 

Johann Christoph Blumhardt ist aufgewachsen in den Traditionen des württembergischen Pietismus. Bereits als Stuttgarter Schüler Mitglied einer pregizerianischen Versammlung, aber auch im Kontakt mit Anhängern Michael Hahns, ist er früh genötigt worden, sich über das rechte Verhältnis von Rechtfertigung und Heiligung Gedanken zu machen. Zugleich wirkt die Erwartung Johann Albrecht Bengels, die Errichtung des Tausendjährigen Reichs Christi (vgl. Apk 20) werde sich in Bälde ereignen. Dies setzt ungeahnte Kräfte frei, etwa die Gründung der Basler Mission im Jahr 1815. Wenn das Evangelium in der ganzen Welt gepredigt wird, dann wird das Ende kommen (Mt 24,14).

 

Diese Anstöße hat Blumhardt zeitlebens bedacht, sich aber vor Engführungen gehütet. In der Möttlinger Erweckung und später in Bad Boll teilt er Pregizers Freude an der Rechtfertigung, weist aber mit gleicher Betonung auf die entsprechende Lebensgestaltung hin. Andererseits haftet seinem Ruf zur Buße nie etwas Erzwingerisches an; in seiner Nähe lernen Menschen, sich beschenkt zu fühlen. Die Naherwartung Bengels teilt er. Eine Vorausberechnung, etwa auf 1836, lehnt er allerdings als Widerspruch zu Mt 24,42 ab. Von einer weiteren Korrektur wird später die Rede sein.

 

Nach dem Theologiestudium in Tübingen wird er 1829 Vikar in Dürrmenz; von 1830–1837 unterrichtet er in Basel angehende Missionare und lernt Mission als Reichsgottesarbeit in weltweiten Zusammenhängen kennen. Es folgt ein Jahr als Pfarrgehilfe in Iptingen, wo er mit großem Zulauf predigt. Anhänger des separatistischen Webers Johann Georg Rapp, die diesem 1804 nicht in die USA gefolgt sind, kann Blumhardt wieder mit der Landeskirche befreunden. 1838 wird er Pfarrer in Möttlingen; dort ruft man ihn 1842 an das Krankenbett der Gottliebin Dittus, die an Krämpfen und Blutungen leidet. Sie hat Geistererscheinungen; Polterspuk wird vernehmbar. In ihren Anfällen redet sie wie mit fremden Stimmen, für Blumhardt ein Zeichen dämonischer Besessenheit. Nicht als Exorzist tritt er jedoch auf, son-dern als Seelsorger, der ein freies Gebet spricht und auch Gottliebin dazu auffordert. Nur ein kleiner Kreis, bestehend aus Blumhardts Frau und einigen Gemeindegliedern, ist Zeuge der Ereignisse. Man erlebt ein plötzliches Verschwinden der Symptome, dann wieder Selbstverwundungen und Blutungen von lebensgefährlichem Ausmaß. Gottliebin erbricht Glasstücke, verbogene Nägel; aus Kopf und Haut treten Nadeln hervor, ohne dass eine Wunde vorhanden ist. Schließlich reden die Stimmen auch aus ihrer Schwester Katharina und geben sich als ,vornehmer Satansengel‘ aus, der jetzt in den Abgrund fahren müsse. Mit dem Schrei ,Jesus ist Sieger!‘ wird Ende 1843 ein Schlußpunkt gesetzt; Katharina und Gottliebin werden gesund.

 

Blumhardt versteht das Geschehen als Sieg über Satan und die ihm dienenden Geister und erwartet weltweite Konsequenzen. Im Deutungshorizont des 20. Jahrhunderts stellt man die Diagnose Hysterie; die Kranke, unbewußt nach Zuwendung und Beachtetwerden strebend, habe die ,Geisterstimmen‘ selbst hervorgebracht – in einem tranceähnlichen Zustand, ohne Täuschungsabsicht. Schwierig wird es, das Austreten der Gegenstände zu erklären. Angesichts der Aufrichtigkeit Blumhardts wäre es zu einfach, ihm Schwindeleien zu unterstellen. Auch die Annahme einer überhitzten Atmosphäre im Kreis der Zeugen und einer getrübten Wahrnehmung würde, so der Psychiater Walter Schulte, zu kurz greifen. Man stehe an der ,Grenze der medizinischen Deutbarkeit‘; es bleibe ein undurchsichtiges Geheimnis.

 

Christen müssen Blumhardts Vorstellungen von einem satanischen Reich nicht übernehmen. Was aus dem dramatischen Geschehen hervorleuchtet, ist der betende Seelsorger. Seine beharrlichen Bitten, oft Schreie in großer Not, bleiben nicht ohne Antwort. Das, was sich gegen die Kranke richtet, wird überwunden; Gottliebin wird in der Tiefe ihres Seins angerührt. Kein Therapeut klärt sie über Hintergründe ihres Leidens auf, sondern ein Seelsorger stellt sie und sich selbst vor das Angesicht Gottes. Diese Erfahrung bleibt; tatkräftig leitet sie ab 1844 den Möttlinger Kindergarten, dann die Hauswirtschaft des Bades Boll. Das Reich Gottes wird zur Maxime ihres Lebens.

 

Unmittelbar danach kommt es zu einer Erweckung der Möttlinger Gemeinde. Seit Anfang 1844 wird der Pfarrer überlaufen von Menschen, die beichten möchten und dann um förmliche Absolution bitten. Er achtet auf geistliche Nüchternheit; kein öffentliches Bußgeheul soll stattfinden. Die Bewegung geht über die Gemeindegrenzen hinaus und nimmt noch zu, als einige bei der Absolution die Heilung seelischer und körperlicher Krankheiten erfahren. Nicht nur als Einzelfälle sind diese Heilungen bezeugt und nicht nur durch Blumhardt. Die heute geäußerte Suggestionshypothese kommt bei der Schwere der geheilten Krankheiten als alleinige Erklärung nicht in Betracht. Den Nimbus eines Wunderdoktors vermeidet er; bezahlen läßt er sich die Hilfe nicht.

 

Von 1850 an stellen sich Heilungen auch in der Ferne ein; oft genügt es, wenn Blumhardt schriftlich seine Fürbitte zusagt. Eine umfangreiche Briefseelsorge beginnt. 1852 erwirbt er mit Hilfe wohlhabender Freunde das Bad Boll; er achtet darauf, daß das Verlangen nach Heilung nicht den geistlichen Neuanfang beiseite schiebt. Keine ,Gebetsheilanstalt‘ will er führen, sondern ein Zentrum ganzheitlicher Seelsorge. Die Einzelgespräche hält er kurz und verweist auf seine Gottesdienste; bei aller Menschenkenntnis des Seelsorgers ist Gott der eigentlich Handelnde. Die Heilungen setzen sich fort. Die Fröhlichkeit und Natürlichkeit, mit der Blumhardt Menschen gewinnt, und der Ernst, mit dem er ihnen etwas zumutet, ziehen Gäste aus ganz Europa zu ihm.

 

Das hier nur skizzierte Geschehen, in Briefen und Akten jener Zeit ausführlich do-kumentiert, führt ihn über sein Theologiestudium weit hinaus. Die Ebene der Aus-einandersetzung zwischen Rationalismus und Supranaturalismus ist verlassen. Nicht in der Studierstube wird über Gott reflektiert; sein Handeln wird erlebt – kein Einbruch des Übernatürlichen, sondern ein das Leben der Menschen durchziehendes Wirken. Überwunden sind auch Schleiermacher und Strauß. Nicht vom Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit in der Anschauung des Universums ist Blumhardt geprägt. Die Beteiligten sehen sich dem persönlichen Gott der Bibel gegenüber; etwas Objektives habe sich übertragen. Damit muß für ihn auch die Realität der Wunder des Neuen Testaments nicht mehr diskutiert werden. Kein frommes Selbstbewußtsein, sondern Begegnung mit dem lebendigen Gott – Karl Barth, seit 1907 wiederholt in Bad Boll zu Gast, hat diesen Anstoß in seiner Dialektischen Theologie weitergeführt.

 

Blumhardt wird zum Theologen der Hoffnung. Im Kontext der Bengelschen Naherwartung kann das Erfahrene nur Vorgeschmack einer weltweiten Entwicklung sein. Eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes über die Menschheit wird kommen. Die Ursprünglichkeit des Glaubens, die Heilungswunder der Apostelgeschichte werden wiederkehren, ein Rennen und Jagen zum Reich Gottes einsetzen. Anders als Bengel erhofft er dies vor dem Wiederkommen Christi; im dann erwarteten Gericht sollen alle Menschen eine Chance haben, nicht nur ein Häuflein Bekehrter. Blumhardts exegetische Begründung (u.a. Joel 3) wird von den pietistischen Weggefährten zurückgewiesen. Eine Apokatastasislehre formuliert er nicht. Den Ausgang der Geschichte überläßt er Gott, hofft aber, ,dass eine Barmherzigkeit noch losbrechen wird, die über aller Menschen Denken hinausgeht‘.

 

Das Eintreten des Erhofften hat er nicht erlebt. Die Erfahrungen aber, die er und andere mit diesen Hoffnungen gemacht haben, sind nicht bloß Veränderungen in den Köpfen der Beteiligten, sondern Erfahrungen des seelischen und körperlichen Heilwerdens.

 

Ein Besprechungsraum im Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart trägt seinen Namen, wobei es jedem freigestellt ist, hierunter den Vater Johann Christoph oder den Sohn Christoph (1842-1919) zu verstehen, der, von den gleichen Erfahrungen herkommend und auf die gleichen Hoffnungen hinlebend, sich seit 1899 in der SPD engagierte. Auf diesem Grund stehend, wächst der eine aus dem Pietismus seiner Zeit, der andere aus dem Sozialismus hinaus. Auch andere Festlegungen sind fragwürdig, die etwa dem Vater das Etikett ,Lebendige Gemeinde‘, dem Sohn das Schild ,Offene Kirche‘ anheften wollen.

 

Ebenso fragwürdig ist das Hervorheben der angeblichen Einmaligkeit Blumhardts, das den Blick einseitig auf die Heilungen lenkt. Manchmal erweckt es den Eindruck, man wolle sich der Provokation entziehen, die von seinem Wirken ausgeht – besonders gern angesichts einer Gesellschaft, deren kritische Reaktionen man fürchtet. In dieser schwierigen Situation ist Blumhardt wichtig, weil er beides vereinen konnte: Ein Sicheinlassen auf die Menschen, das Vertrauen schafft, und ein Beharren auf dem, was christliche Existenz ausmacht.

 

Dieter Ising

 

 

(Erstveröffentlichung in "Für Arbeit und Besinnung" Zeitschrift für die Evangelische Landeskirche in Württemberg, Heft 4 vom 15. Februar 2001)