Bestandserhaltung als kulturelle Aufgabe:

Die evangelischen Kirchenbücher Württembergs - Geschichte und Bedeutung

 

Kirchenbücher sind auch unter den Bezeichnungen Kirchenregister und Kirchenmatrikel bekannt. Es handelt sich dabei um Register, in denen der Pfarrer die verschiedenen kirchlichen Amtshandlungen (Kasualien) an den Gemeindegliedern festhielt, also Taufen, Trauungen und Beerdigungen, später auch Konfirmationen. Bis zur der Einführung ziviler Standesämter am 1. Januar 1876 waren die Kirchenbücher zugleich die einzigen Personenstandsregister und als solche öffentlich-rechtliche Urkunden. Seitdem dienen sie ausschließlich der Beurkundung kirchlicher Amtshandlungen.
Im Herzogtum Württemberg setzte die Kirchenordnung Herzog Christophs von 1559, die für das Kirchenwesen des nunmehr evangelischen Landes die für die nächsten Jahrhunderte geltenden Grundlagen schuf, auch für die Führung der Kirchenbücher neue Maßstäbe. Dass Taufbücher zu führen seien, war nunmehr verbindlich: "Wir verordnen und wllen auch, das unsere General Superintendenten jeder in seinem Gezirck bey allen Pfarkirchen diese Verordnung thon sollen, das bey jeder ein sonder Buch von lauter Papir eingebunden. Und jedem Pfarrher und Diacon von unsert wegen mit ernst aufferlegt werde, wann und so offt ein Kind zum Tauff gebracht, desselbigen Kinds, auch seines Vatters, Mutter, sampt Gevatter Namen, darzu den Tag und Jar, in dem jedes Kind getaufft, in selbig Buch ordenlich und underschidlich, alles mit der Ordnung und ursachen, die wir inen hieneben sonders hierüber gegeben, einzuschreiben. Wlches Buch alle zeit bey der Kirchen verwart behalten und pleiben soll."

Bestandserhaltung

Beschädigte Kirchenbücher

Noch heute sind eine verhältnismäßig große Zahl von Taufbüchern aus der Zeit nach 1559 erhalten, was darauf schließen lässt, dass die Geistlichen dem herzoglichen Befehl Folge leisteten. Ehe- und Totenregister hingegen wurden erst später eingeführt, die Konfirmandenregister nach Einführung der Konfirmation im Jahr 1723. Zugleich trat neben das ursprünglich rein kirchliche Interesse, die kirchlichen Amtshandlungen zu dokumentieren, zunehmend auch das Bedürfnis des Staates, Informationen über die Einwohner des Landes zu erhalten. Der hohe Wert, der den Kirchenbüchern zuerkannt wurde, zeigt sich auch in den Bestimmungen, die König Friedrich I. von Württemberg kurz nach dem Aufstieg Württembergs zum Königtum - eine Folge der Neuordnung des deutschen Südwestens durch Napoleon - erließ: Die Kirchenbücher beider Konfessionen, des evangelischen Altwürttembergs wie auch der größtenteils katholischen neuwürttembergischen Gebiete, sollten nun nach einem vorgegebenen Schema geführt werden; zudem waren die alphabetisch geführten Familienregister (ab dem 1. Januar 1808) neu anzulegen. Der Sicherung der wertvollen Bücher diente die Anlage einer zweiten Serie, der sog. Duplikatkirchenbücher, die 1810 rückwirkend ab 1808 verbindlich gemacht wurde.
Kirchenbücher werden vornehmlich von der genealogischen Forschung genutzt. Dank der Vielzahl von Informationen, die sie enthalten, sind sie freilich darüber hinaus für unterschiedlichste Forschungszweige eine unverzichtbare und unentbehrliche Quellengattung. Für die Ortsgeschichte etwa sind sie von zentraler Bedeutung: Sie geben an, wie viele Kinder geboren und wie viele Menschen gestorben sind; sie teilen mit, welche Berufe die Menschen ausübten und woran sie gestorben sind. Sie ermöglichen es, Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen zu rekon-struieren und erlauben so Einblicke in die Geschichte des privaten Lebens. Für zahlreiche sozial- und kulturhistorische oder demografische Fragestellungen sind Kirchenbücher somit unentbehrlich, und auch hoch spezialisierte Forschungszweige wie etwa die Geschichte der Medizin bedienen sich ihrer. Selbst die äußere Form eines Kirchenbuches ist von Bedeutung, und dies nicht nur für die Geschichte des Buches. So kann etwa ein aufwändig gestalteter Einband aus Holzdeckel und Leder in seiner Ausführung als typisches Erzeugnis einer bestimmten Zeit und Region identifiziert werden und kündet damit von mehr als vergangener Handwerkskunst.

 

Bestandserhaltung und Restaurierung

Als Teil des pfarramtlichen Archivs sind Kirchenbücher einmalige, handschriftliche Quellen, die unersetzlich sind. Um sie dauerhaft in ihrer originalen Form zu bewahren, sind regelmäßige bestandserhaltende Maßnahmen unverzichtbar. Denn Archivalien sind verschiedenen Einflüssen ausgeliefert, die ihren Erhaltungszustand beeinflussen:
- zu hoher Säuregehalt im Papier oder Befall durch Mikroorganismen; dies kann zu einem Faserzerfall führen, das Papier wird "weich", kann reißen und brechen;
- zu eisenhaltige Tinte; Tinte wurde früher aus Eisenvitriol (Eisensulfat), Gummi arabicum (aus der Rinde verschiedener Akazien gewonnener, wasserlöslicher Milchsaft, der als Klebstoff und Bindemittel verwendet wird), Galläpfel (kugelige oder birnenförmige, meist durch tierische Parasiten hervorgerufene Wucherung bei bestimmten Pflanzen) und Wein angerührt; das Eisen in der Tinte kann oxidieren - insbesondere wenn sie sehr dick aufgetragen wurde - und führt einen Faserzerfall bis zur Perforation herbei;
- Schäden an Leder- und Pergamenteinbänden durch zu niedrige Luftfeuchtigkeit und zu hohe Lufttemperatur; Leder und Pergament werden hart und brechen, Pergament kann schrumpfen;
- Beschädigung durch die dauerhafte Benutzung und die entsprechende Abnutzung oder durch unsachgemäße Reparaturen wie das Kleben mit Tesa oder Textilband; diese Klebebänder bilden neue Säuren, verhärten und lassen das Papier brechen.

Um die Bücher dauerhaft zu sichern, sind restaurative und konservatorische Maßnahmen notwendig, die die entstandenen Schäden beheben oder zum Stillstand zu bringen:
- Konservierung des Papiers durch Entsäuern und Puffern mit Calciumbicarbonat oder Magnesiumbicarbonat; diese Maßnahme erfordert in der Regel, dass das gesamte Kirchenbuch aufgebunden und jedes Blatt einzeln behandelt werden muss;
- Wässerung und Neutralisierung, um überschüssiges Eisen in der Tinte "auszuwaschen"; auch diese Maßnahme erfordert eine Einzelblattbehandlung;
- Ablösung von Verklebungen und Tesastreifen oder Pergaminstreifen;
- Anfaserung; Risse im Papier können geschlossen und beschädigte oder zu stark beschnittene Blattkanten gesichert und stabilisiert werden, um einen Verlust des Inhalts zu vermeiden; auch diese Maßnahme erfordert eine Einzelblattbehandlung;
- die aufgebundenen Bücher müssen von Hand geheftet und neu gebunden werden; dabei verwendet der Restaurator in der Regel noch die vorhandenen und intakten Bestandteile des Einbandes, auch um den früheren Zustand zu dokumentieren.

Die genannten bestandserhaltenden Maßnahmen sind ausgesprochen teuer, denn Restaurierungsarbeiten sind zu einem großen Teil immer noch Handarbeit. Infolgedessen muss jede einzelne Maßnahme geprüft und abgewogen werden in Hinblick auf das Ziel, "den ursprünglichen Zustand und die dem Lebensalter des Objektes jeweils angemessene Gebrauchsfähigkeit wiederherzustellen und eine weitere Gefährdung auszuschließen". Das heißt, dass die Archivale nicht wie neu aussehen soll. Das Alter und die Schäden bleiben erkennbar, eine weitere Schädigung muss jedoch ausgeschlossen werden. Die Informationen werden gesichert. Auch nach einer Restaurierung müssen die konservierenden bzw. erhaltenden Maßnahmen wie Reinigung, Buchpflege, objektgerechte Verpackung, Lagerung und Klimatisierung beachtet werden.