Die württembergischen Kirchenbücher und die Möglichkeiten ihrer Auswertung am Beispiel Ruits

Vortrag von Andreas Butz in der Kirchengemeinde Ostfildern-Ruit am 19. Mai 2017

Der Vortrag wird zunächst die württembergischen Kirchenbücher allgemein behandeln, dann die Kirchenbücher von Ruit im Besonderen. Dabei werde ich auch auf den historischen Kontext eingehen, und Sie werden sehen, dass dabei auch einige Streiflichter auf die Ruiter Ortsgeschichte fallen werden. Dann werde ich noch einiges zur Nutzung der Kirchenbücher sagen, was die Familienforschung betrifft, in erster Linie zum Kirchenbuchportal Archion, also zur Nutzung der Kirchenbücher über das Medium des Internets.

Eberdingen Beginn des ersten Kirchenregisters

Das Vortragsthema passt gut zu dem Thema 500 Jahre Reformation, das der Veranstaltungsreihe im Kirchenbezirk zugrunde liegt, denn die Einführung der Kirchenregister in Württemberg hing mit der Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse in Württemberg nach der Reformation zusammen. Ganze 500 Jahre liegt der Beginn der Kirchenbuchführung in Württemberg und in Ruit noch nicht zurück, aber annähernd, nämlich genau 459 Jahre, die Reformation in Württemberg liegt 483 Jahre zurück. Der Einführung der Kirchenbücher ist ein Abschnitt der Großen Kirchenordnung von 1559 gewidmet, die von Herzog Christoph erlassen wurde. Der ursprüngliche Befehl, die Kirchenregister überall anzulegen, war aber offenbar schon Ende 1556 ergangen. Zumindest findet sich eine solche Anordnung auf den ersten beiden Seiten des ältesten Taufregisters von Eberdingen, das bereits die Taufen von 1556 aufführt. Die Anordnung, Taufregister anzulegen wird damit begründet, dass Kinder oft zur Taufe gebracht werden würden, von denen die Väter gar nicht bekannt seien. Dadurch würde praktisch einem liederlichen Lebenswandel Vorschub geleistet werden. Deshalb sei es sinnvoll, die Taufen mit Vater, Mutter, und Taufpaten zu erfassen.

Kirchenordnung (1559): Passus zur Einführung der Kirchenbücher

Große Württembergische Große Kirchenordnung 1559

Die Große Kirchenordnung fasste dann drei Jahre später die Anordnungen und Gesetze zusammen, durch die die Neuordnung des kirchlichen Lebens umgesetzt werden sollte. Es wurden damit neben unmittelbar kirchliche Belange auch die Schule, die Universität und Bereiche des Rechtslebens neu gefasst. Es wurden die sogenannten „deutschen Schulen" gegründet, für alle Kinder, Knaben und Mädchen, was der Beginn des allgemeinen Volksschulwesens in Württemberg war. Die Bibel sollte nun ja in der Lutherübersetzung gelesen werden können. Es wurde auch angeordnet, dass die Dekane regelmäßig die einzelnen Pfarreien zu besuchen und darüber Berichte anzufertigen hatten. Hauptsächlich ging es hier um Prüfung und Kontrolle der kirchlichen Verhältnisse auf Ortsebene. Diese Kirchenvisitationsberichte sind bis heute erhalten und stellen eine interessante Quelle dar, interessant vor allem auch deshalb, da sie flächendeckend erhalten sind und Vergleichsmöglichkeiten bieten. Es ist ja etwas strittig, wo genau man das Ende des Mittelalters und den Beginn der Neuzeit ansetzen möchte. Ist es die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Guttenberg in Mainz in den 1450er Jahren, oder die Entdeckung Amerikas durch Columbus 1492 oder Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517, die den Wendepunkt brachten? Es ist natürlich alles richtig, und es hängt davon ab, wo man den Schwerpunkt setzt. Es war ein gleitender Übergang. Man könnte auch sagen, die Einführung der Kirchenregister sei der Wendepunkt an dem sich das Mittelalter von der Neuzeit scheidet, auch wenn eine solche Theorie nicht verfochten wird. Es gab auch in der Antike und im Mittelalter vereinzelt Verzeichnisse von kirchlichen Amtshandlungen, aber wirklich systematisch angestoßen wurde die Kirchenbuchführung erst durch die Reformation, und dann auch nach dem Trienter Konzil 1563, dem sogenannten Tridentinum, auch in den katholischen Gemeinden eingeführt, allerdings erst Schritt um Schritt, in manchen Bistümern bereits im 16. Jahrhundert, vereinzelt sogar erst im 18. Jahrhundert. Ab dem 16. Jahrhundert erfasste die Obrigkeit gezielt und flächendeckend Daten über die jeweiligen Untertanen, mit Hilfe der Kirchenregister, aber auch mit anderen Erhebungen und Listen. Der Name des einzelnen Menschen des Mittelalters, oder Daten zu seinem Leben, wurde in keiner Systematik erfasst, und wenn der einzelne Mensch des Mittelalters oder gar noch früherer Epochen uns heute überhaupt bekannt ist, dann vielleicht wegen seiner ganz herausragenden Bedeutung, als Adeliger, als Künstler, oder Aufrührer, oder weil er in einer heute noch erhaltenen Urkunde als Geschäftspartner oder als Zeuge auftaucht. Familienforschung kann man auf dieser Grundlage nicht betreiben. Sogar bei den alten Adelsgeschlechtern gelingt dies in der Regel nur ganz lückenhaft. Die frühe Neuzeit brachte durch die Kirchenregister eine systematische Erfassung der Namen und Lebenseckdaten aller Menschen, gleich des Standes, des Geschlechts, des Berufs, des Herkunftsortes. Diese Daten wurden zwar ursprünglich nicht angelegt, um spätere Familienforschung zu ermöglichen, sondern um sie für die Gegenwart zu erfassen und zu dokumentieren, aber ich möchte unterstellen, dass man sich des unschätzbaren Wertes dieser Daten für die Nachwelt durchaus bewusst war. Dafür spricht die Tatsache, dass man sich über all die Generationen viel Mühe gab, diese Kirchenbücher sorgsam aufzubewahren, sie vor Zerstreuung, Diebstahl, Wasser, Feuer und unsachgemäßer Benutzung zu schützen. Man bewahrte sie auf wie wertvolle Kostbarkeiten, wie Schätze, die sie ja auch sind.

Und trotz ihrer ganz besonderen Stellung unter den Quellen, ist die Einführung der Kirchenbücher 1558 nur Teil einer allgemeineren Entwicklung, die darauf abzielte, Daten von Bewohnern, also Untertanen zu erfassen. Aus der Zeit um 1500 haben wir etwa Musterungslisten, also die Erfassung aller Musterungspflichtigen in den württembergischen Dörfern, mit genauer Bezeichnung ihrer Bewaffnung. Oder die Türkensteuerlisten, in den 1540er Jahren, die jeden einzelnen Steuerpflichtigen erfassten, mit seiner Steuerpflicht, mit der er die Verteidigung des Heiligen Römischen Reiches gegen die Osmanen mitzufinanzieren hatte. Sie wissen ja, dass sogar Wien kurz davor von einem großen türkischen Heer belagert worden war, genauer: um 1529. Um die militärische Abwehr im Südosten zu finanzieren, wurden die Fürsten vom Kaiser aufgerufen, von allen ihren Einwohnern, je nach Maßgabe der individuellen Vermögensverhältnisse, Steuern einzuziehen, d.h. die Magd musste weniger bezahlen als der wohlhabende Schultheiß, aber ein wenig musste auch sie beisteuern. Aus diesen Listen lassen sich Erkenntnisse zur Sozialgeschichte ermitteln. 1525 wurden Herdstättenlisten angelegt, an denen man die Haushaltszahl jedes Dorfes ablesen kann. Landesweite Bürgerlisten wurden 1598 angelegt. Sie sehen, dass damals Grundlagen für ein modernes Staatswesen gelegt wurden, indem man genauere Informationen erfasste.

Die tatsächlich bedeutendste dieser Quellen, die damals ihren Anfang nahmen, sind jedoch die Kirchenbücher, oder Matrikeln, wie man sie zum Beispiel in Österreich nennt. Durch sie haben wir hier flächendeckend die Lebenseckdaten jeden einzelnen Einwohners von Württemberg, von der Wiege bis zum Traualtar, bis zur Bahre, und wir können alle seine verwandtschaftlichen Beziehungen ermitteln. Meiner Meinung nach ist das eine Aufwertung des einzelnen Individuums in der Geschichte, egal ob Tagelöhner, Landwirt, Magd, Mutter, Schuhmacher, Schäfer, Wirt, Diener, Knecht, Landsknecht.

Der Passus aus der Großen Kirchenordnung von 1559 lautete folgender Maßen:

 

„Wir verordnen und wœllen auch / das unsere General Superintendenten / jeder in seinem Gezirck bey allen Pfarkirchen diese Verordnung thon sollen / das bey jeder ein sonder Bůch von lauter Papir eingebunden / und jedem Pfarrher und Diacon von unsert wegen / mit ernst aufferlegt werde / wann und so offt ein Kind zům Tauff gebracht / desselbigen Kinds / auch seines Vatters / Můtter / sampt Gevatter Namen / darzů den Tag und Jar / in dem jedes Kind getaufft / in selbig Bůch ordenlich und underschidlich / alles mit der Ordnung und ursachen / die wir inen hieneben sonders hierüber gegeben / einzůschreiben / wœlches Bůch alle zeit bey der Kirchen verwart behalten und pleiben soll/."

 

Dadurch waren die Familienverhältnisse, die Taufhandlung dokumentiert, auch war dokumentiert, ob die Kinder aus einem ehelichen Verhältnis der Eltern stammten, und man meinte, so messen zu können, ob im Dorf in sittlich-familiärer Hinsicht alles in Ordnung war. Wie Sie vielleicht wissen, hatte die Kirche ja auch über solche Dinge zu wachen, im 17. Jahrhundert wurde sogar in jedem Dorf ein Sittengericht eingeführt, unter dem Vorsitz des Pfarrers, der sogenannte Kirchenkonvent. Die Kirchenbücher hatten eine Funktion in der Neuordnung der Kirche, wie sie durch die Große Kirchenordnung von 1559 fixiert wurde, und welche auch die ganze Kirchenzucht, und die Ordnung des Lebens der Gemeindeglieder neu ordnen sollte. Zunächst waren nur Taufregister vorgesehen. Es werden in der Verordnung alle Angaben genannt, die Bestandteil des jeweiligen Eintrages wurden.

Ältestes Taufregister von Ruit

Einige Jahre darauf, beziehungsweise einige Jahrzehnte danach, begann man überall auch mit der Anlage von Eheregistern und Totenregistern, in Ruit begann man mit beidem 1607, was im Grunde eine logische Ausweitung der Erfassung auf die wesentlichsten kirchlichen Amtshandlungen im Lebenszyklus der Personen erscheint. 1687 begann man mit den Kommunikantenregistern, - Verzeichnissen der Abendmahlsteilnehmer -, die man vielleicht nur am Rande als Kirchenbücher ansehen kann, und 1723 nachdem die Konfirmation in Württemberg eingeführt wurde, wurden auch Konfirmandenregister angelegt, und ab dem 18. Jahrhundert findet man auch Seelenregister, also Auflistungen in denen die Familien verzeichnet sind, eine Art von Vorläufer der Familienregister. In Ruit sind die Seelenregister in einem Band zusammengebunden mit Bevölkerungslisten aus der Zeit um 1800, die allerlei Daten in Tabellen zusammenfassen und aus denen sich zum Beispiel auch ablesen lässt, wer zu welcher Zeit gerade auf Wanderschaft war, oder als Soldat diente. 1808 war überhaupt eine Zäsur. Ab da wurden die Kirchenbücher auf bestimmte gedruckte Seiten eingetragen, also auf Formulare, die dann später gebunden wurde. Die Familienregister sind eine große Hilfe für die Familienforschung. Für die Recherchen im 19. Jahrhundert genügen sie meistens, da sie alle relevanten Daten einer ganzen Familie auf einer Seite enthalten. In aller Regel haben sie auch einen Index, das heißt, man kann bequem anhand des Namens die betreffenden Einträge aufschlagen und muss nicht lange suchen. Die Familienregister sind Vorläufer der Standesregister, die in Württemberg mit der Einführung der Standesämter zum 1.1.1876 eingeführt wurden. Ab diesem Zeitpunkt verloren die Kirchenbücher ihren Charakter als einzige Quellen zur Personenstandsbeurkundung, obwohl sie weiter geführt werden. Anfragen oder Forschungen nach 1875 geschehen immer mit den Standesregistern, was auch mehr Sinn macht, da es jetzt nicht mehr üblich ist, dass alle Einwohner eines Ortes ein und derselben Konfession angehören, und auch die Familien in konfessioneller Hinsicht ganz häufig nicht mehr einheitlich sind, wie es früher natürlich immer der Fall war, als man noch quasi monokonfessionelle Staaten hatte.

Diese allerersten Kirchenbücher wurden gewöhnlich in einem Band zusammengebunden. Man spricht hier dann von einem Mischbuch. In Ruit ist das älteste Kirchenbuch allerdings tatsächlich ein Taufregister. Erst der zweite Band ist ein „Mischbuch", enthält Taufen, Ehen, Todesfälle in einem Band gebunden, aber separat nacheinander aufgeführt.

Pfarrerliste von 1558 bis 1788 im ältesten Ruiter Taufregister

Keineswegs in allen württembergischen Orten hat man Kirchenregister, die bis zum Jahr 1558 zurückgehen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kann man jedoch davon ausgehen, dass man überall die Anordnung Herzog Christophs befolgt hat, ab da mit der Führung der Taufregister zu beginnen. Allerdings sind die Grenzen des heutigen Württemberg nicht deckungsgleich mit dem Herzogtum Württemberg von 1558. Württemberg wuchs danach noch an, denn es kamen weitere Gebiete hinzu, etwa Reichsstädte, ritterschaftliche Kleinterritorien, geistliche Herrschaften, oder Gebiete, die früher zu anderen Fürstentümern gehörten, besonders 1803 beziehungsweise 1806. Dort wurden die Kirchenbücher von anderen Obrigkeiten eingeführt, entweder später, oder in ganz seltenen Fällen sogar etwas früher als im Herzogtum Württemberg, etwa in den Ansbachischen Territorien, wo wir Kirchenbücher ab 1531 finden. In vergleichsweise vielen Fällen verbrannten die Kirchenbücher allerdings auch im Dreißigjährigen Krieg, oder im Pfälzischen Erbfolgekrieg. Dann beginnen die Bände erst Mitte oder Ende des 17. Jahrhunderts. Die früheren Daten sind unwiederbringlich verloren und können unter keinen Umständen mehr annähernd rekonstruiert werden.

Erste Seite des ältesten Ruiter Taufregisters

Der erste Eintrag in den Ruiter Kirchenbüchern datiert auf den 17. Juli 1558 und fixierte die Taufe von Katharina, der Tochter von Konrad Lö..? (die letzten Buchstaben des Nachnamens sind verloren, da die Ecke oben rechts fehlt, aber vielleicht hieß er Löw) von Ruit und seiner Frau Magdalene, und die Patenschaft von Jörg Stocker und Barbara, die Frau von Simon Schweben von Ruit. Der erste Schreiber, also der damalige Ruiter Pfarrer schloss den Eintrag mit den Worten „Gott geb Gnad".

Überschrieben ist die ganze erste Seite mit dem lateinischen Motto: Quod felix et faustum sit", was ungefähr heißt: „was glücklich und gesegnet sei". Das war Pfarrer Maiers Motto für sein Ruiter Taufregister. Abgesehen von solchen schönen Sinnsprüchen, oder einzelnen Begriffen, wie Parentes für Eltern, Infantes für Kinder, Patrini für Paten, die man durchaus häufig findet, wurden die Kirchenbücher in Württemberg in deutscher Sprache geführt. Katholische Kirchenbücher wurden manchmal bis ins 18. Jahrhundert lateinisch geführt, was die Benutzung etwas erschwert. Das erste Ruiter Kirchenregister, unter dem schönen lateinischen Sinnspruch wurde von Pfarrer Eberhard Maier angelegt. Er stammte ursprünglich aus Calw, hatte von 1548 bis 1553 in Tübingen Theologie studiert und war in Ruit von 1556 bis 1564 Pfarrer. Anlässlich der Kirchenvisitation im Jahr 1558 vermerkte der Superintendent über ihn: „In Ruit ist ein feiner, gelehrter, fleißiger Pfarrherr".

Kirchenbucheinträge von Pfarrer Heinrich Demel 1574

Wie man an den Einträgen sieht wurden die Einträge einfach im Fließtext, wie anderswo auch, angelegt, was nicht sehr übersichtlich ist. Später, ab 1808 hat man die Kirchenbücher dann sehr formalisiert, aber auch davor hat man schon Kirchenbücher in Spalten und Zeilen eingeteilt. Eine sehr kreative und durchaus nicht schlechte Lösung hat sich Pfarrer Heinrich Demel, der auf Maier folgte ausgedacht. Zuerst hat er die Einträge wie Maier angelegt, dann aber in einer anderen Form, er hat Rubriken geschaffen, allerdings nicht mit Hilfe von Spalten-Untergliederungen, sondern mit Klammern, wie Sie hier sehen. Also links das Taufkind mit Namen und Taufdatum, dann die Eltern, dann die Paten. Bei dem ersten Eintrag auf dieser Seite ist mir aufgefallen, dass der Probst von Nellingen der Taufpate war, Probst Bernhard Soph. Der Vater des Kindes war aus Nellingen gebürtig, was es teilweise erklärt. Offenbar war es in Nellingen bis ins 17. Jahrhundert üblich den Nellinger Probst, der im Klosterhof, der dem Kloster Sankt Blasien gehörte, zum Taufpaten zu nehmen. Sogar die evangelischen Geistlichen wählten ihn zum Paten ihrer Kinder. Dies ist ungewöhnlich, da der Probst als Vertreter des Klosters tatsächlich ein katholischer Mönch war, der nach Nellingen abgeordnet war, um dort die Besitzungen zu verwalten. Durch die Reformation war dort einiges durcheinander geraten. Württemberg hatte die Vogtei über die Kirche, und führte die Reformation ein. Das heißt die Einwohner Nellingens waren ab da evangelisch, der Klosterhof mit seinen Gütern blieb aber in der Hand des katholischen Klosters und wurde von einem katholischen Probst verwaltet. Die Taufpatenschaften bezeugen, dass dies offenbar kein großes Problem war, es bestand eine konfessionelle Koexistenz. Das dauerte bis 1649 an, bis nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, die Verhältnisse neu geordnet wurde und der Klosterhof in württembergische Hände kam.

Tabellarische Registerführung durch Pfarrer Jakob Franck ab 1586

Mit einer tabellarischen Registerführung begann Pfarrer Jakob Franck, der ab 1586 in Ruit das Pfarramt übernahm und gleich die Kirchenbücher auf diese Art führte. Die kleinen Kreuze, die Sie an zwei Stellen der Seite sehen, bedeuten, dass diese Täuflinge bereits im Säuglingsalter gestorben waren. Wenn Sie mit Kirchenbüchern arbeiten, werden Sie immer wieder auf solche Kreuze stoßen, denn die Säuglingssterblichkeit war hoch. Überhaupt starben viele Menschen bereits im Kindesalter. Später in den Familienregistern kann man das sehr gut sehen. Es war normal, wenn eine Familie acht Kinder hatte, auch zehn, aber es war auch normal, dass die Hälfte der Geborenen nicht über das Kindesalter hinauskam, manchmal sieht man sogar noch erstaunlichere Listen, wie etwa Familien mit zehn Kindern, von denen nur zwei erwachsen wurden. Nur wegen der insgesamt hohen Kinderzahl kam überhaupt eine positive Bevölkerungsbilanz zustande. Es gab aber auch demographische Einbrüche, besonders der Dreißigjährige Krieg, der einen Bevölkerungsrückgang von 75 % in Württemberg verursachte, weniger durch direkte Kriegshandlungen als durch eingeschleppte Seuchen. - Nachher mehr dazu.- Wer über die allgemein hohe Kindersterblichkeit hinauskam und das siebte Lebensjahr überlebt hatte, abgesehen von Kriegs- und Seuchenzeiten, hatte auch gute Chancen alt zu werden.

Früher auch gebräuchliche Monatsnamen

Numerische Monatsnamen nach altrömischer Zählung

Was mir an der Seite auch aufgefallen ist, war, dass Pfarrer Franck beim zweiten Eintrag als Monatsname Februarius angibt, beim dritten Eintrag steht dann „Hornung", den 24. Hornung. Das ist nichts anderes als die deutsche Monatsbezeichnung für den Februar. Diese Bezeichnungen haben sich fast alle verloren, außer den Lenz für den März und der Wonnemonat für den Mai, aber wer kennt heute noch den Hornung, den Brachmonat, den Heumonat und ähnliches. Man sieht an den veralteten Monatsbezeichnungen, was für die Menschen an der jeweiligen Stelle im Jahreszyklus besonders auffällig oder wichtig war. Ein Monat wie Heuert oder Brachmonat bezieht sich auf die Landwirtschaft, ein Monat wie Nebelung für November oder Gilbhart, also die gelben Wälder im Herbst, auf die jahreszeitspezifischen Erscheinungen der Natur, und Ostermond und Christmond auf die beiden wichtigsten christlichen Jahresfeste. Alternativ findet man die Monatsnamen manchmal auch numerisch angegeben, aber nicht nach heutiger Zählung, sondern nach der Zählung, die im Monatsnamen steckt, also der December ist der „zehnte" nicht der zwölfte, decem heißt auf Latein ja zehn, vor der Kalenderreform Julius Cäsars hatten die Römer nur zehn Monate. Auch das kann anfangs verwirren. Um zu verstehen was gemeint ist, kommt man manchmal wenn man mit den Kirchenbüchern arbeitet, nicht umhin, solche altertümlichen Begriffe und Schreibweisen nachzuschlagen.

Planetenzeichen = Zeichen für die Wochentage

Die Wochentage werden auch häufig angegeben, allerdings nicht in Worten, sondern durch die Planetenzeichen, der Kreis mit einem Punkt ist die Sonne, also der Sonntag, der Halbmond der Montag, der Kreis mit einem Kreuz unten ist die Venus, also der Freitag. Sie werden das in den Kirchenbüchern immer wieder finden, natürlich auch in anderen historischen Quellen. Es war üblich. Wenn man die französischen Namen kennt, kann man sich die Planeten ableiten, wie Venus und vendredi, der Freitag, oder Jupiter und Jeudi, der Donnerstag, Mars und Mardi, der Dienstag.

Doppelseite aus dem Totenregister von Ruit 1635

Ich werde im Folgenden einige Beispiele aus den Ruiter Kirchenbüchern vorstellen, die einerseits aufschlussreich über die Vergangenheit Ruits sind, aber auch informativ bezüglich der Kirchenregisterführung sind.

Was Sie hier sehen ist eine Doppelseite aus dem Totenregister von Ruit, und zwar werden dort Beerdigungen des Jahres 1635 aufgeführt. Es heißt dort jeweils, ist zwei Tage krank gelegen, ist drei Tage krank gelegen, peste gestorben (also an der Pest gestorben), manchmal auch an Hunger gestorben, nach ein paar Einträgen findet man dann jeweils den Vermerk, „Diese 4 Personen in ein Grab getan", „diese beide in ein Grab gelegt". Das zieht sich über 4 Seiten in dieser Art hin. Dann geht es zwei Seiten nur noch summarisch weiter, da der Pfarrer ab dem 18. Juli selber krank war und die Beerdigungen ohne ihn durchgeführt werden mussten. Überschrieben ist die summarische Auflistung mit „sind in meiner langwierigen Krankheit mit Tod abgangen". Der Name des Pfarrers war Nikolaus Kommerell. Er war 1604 geboren und blieb in Ruit bis 1635 oder 1636, danach ging er nach Heimerdingen als Pfarrer. Ihn hat die Pest nicht hinweggerafft, aber seine Frau, die am 31.7.1635 an der Pest starb, in Esslingen, wohin sie sich geflohen hatte. Nach Kommerells Weggang bis 1645 hatte das weitgehend entvölkerte Ruit keinen Pfarrer, sondern wurde von Nellingen aus geistlich betreut. Insgesamt starben in diesem Jahr 1635 133 Personen. Das war keineswegs die übliche Zahl, in den Jahren davor starb gewöhnlich ein Zehntel bis ein Zwanzigstel dieser Zahl an Menschen. Eine Ausnahme ist das Jahr 1626, als ebenfalls 40 Menschen starben, offensichtlich auch an einer Seuche. Übrigens starben die Menschen 1626 nachdem eine Ortsfremde im Ort gestorben war. Man hatte eine kranke Arme in den Nachbarort gekarrt. Dieses Verfahren war üblich, da die Dörfer vermeiden wollten, dass durchziehende kranke Bettler ihnen dauernd auf der Tasche lagen. Solche arme Kranke beherbergte man in einem Dorf normalerweise für eine Nacht und führte sie dann in einem Karren ins Nachbardorf. Das ging so lange weiter bis die Person wieder auf die Beine kam oder verstarb. Der Begriff „Bettelfuhr" kommt daher. Es sieht so aus, als sei diese kranke Bettlerin die Überträgerin einer Seuche gewesen, der dann in Ruit viele Menschen zum Opfer fielen. Aber zurück zu 1635. Ich habe in den Synodusprotokollen einmal nachgeschaut, wie viele Einwohner der Ort in dieser Zeit ungefähr hatte. 1601 waren es etwa 300. Das ist ein Schätzwert, da die Kinder in den frühen Protokollen noch nicht gezählt wurden. Von dem her starben 1635 sicher ein Drittel der Einwohner. Es nimmt dann auch kein Wunder, dass in den folgenden 15 Jahren nur noch ganz wenige Beerdigungen stattfanden. 1640, 1641, 1646, 1647, 1648 wurden gar keine Beerdigungen durchgeführt. Das ist einfach erklärt: Ruit war am Ende des Dreißigjährigen Krieges so gut wie entvölkert, nicht nur durch Tod, sondern sicher auch durch Flucht der Bevölkerung in die sichereren Städte, was mit der verschlechterten Sicherheitslage im Dreißigjährigen Krieg zusammenhing. Württemberg war eine der Regionen in Deutschland, die durch den Dreißigjährigen Krieg sehr geschädigt wurde, und unvorstellbare 75 % seiner Bevölkerung verlor. Die starken Bevölkerungsverluste gingen nur zum geringeren Teil auf direkte Gewalthandlungen zurück, sondern hauptsächlich durch Seuchen im Gefolge des Krieges. Seit 1634 war Württemberg von fremden Truppen besetzt, die sich von dem Land nährten. Die Bevölkerung war durch Hunger geschwächt, die herumziehenden Soldaten und Menschen verbreiteten die Pest im ganzen Land. Üblicherweise findet man nach dem Dreißigjährigen Krieg in den württembergischen Dörfern dann in den Eheregistern oder als Eltern in den Taufregistern viele Einwohner die ursprünglich aus dem Alpenraum stammten. Etwa die Schweiz war ja durch die Kriegsereignisse nicht so stark betroffen und hatte im Gegenteil einen Bevölkerungsüberschuss und dann wanderten eben Leute aus diesen Gegenden hier ein, und assimilierten sich auch schnell, da sie aus einem ähnlichen Sprachraum stammten. Ich kann das aber nach kursorischer Durchsicht der Ruiter Register für Ruit nicht bestätigen. Es finden sich schon nicht wenige Personen, die aus einem anderen Ort in Süddeutschland stammten, aber aus dem Alpenraum scheinen sich hier kaum Menschen angesiedelt zu haben.

In perpetuam rei memoriam! Bericht über Ereignisse 1796 (Koalitionskrieg)

Unter den Ruiter Kirchenbüchern befindet sich auch ein Band, der die Abschriften von Taufeinträgen von 1607 bis 1766 enthält. Der Band wurde wohl wegen Zerstörung des älteren Taufbuchs angelegt, das aber offenbar dann doch wieder repariert, rekonstruiert und gemeinsam mit älterem Ehe- und Konfirmationsregister neu gebunden werden konnte, so dass die Taufeinträge nun zweifach vorhanden sind. Die ersten beiden Seiten des Bandes beinhalten keine Taufeinträge, sondern sind mit „In perptuam rei memoriam!" betitelt, also „Zum ewigen Gedächtnis der Sache", und schildern aus der Sicht eines Zeitzeugen, nämlich dem Pfarrer Hoelder, wie französische Truppen 1796 Ruit heimsuchten. Eigentlich müsste ich das ganz vorlesen, aber das ist wohl zu viel. Er beschreibt jedenfalls, wie am 21. Juli 1796 morgens die französischen Truppen im Ort einfielen, und sein Haus ausplünderten, und er nur mit Not verhindern konnte, dass seine hochschwangere Frau vergewaltigt wurde, andere hatten weniger Glück. Der Ort lag dann mitten im Kampfgebiet, mit herumfliegenden Kanonen- und Kartätschenkugeln, viel Zerstörung und völliger Ausplünderung. Der lesenswerte Zeitzeugenbericht mag jedenfalls als Beleg dafür gelten, dass durchaus verstanden wurde, dass die Kirchenbücher eine wahrhaft historische Quelle waren, die durch die Zeiten trug, und sich somit auch eigneten solche Chroniken in die Zukunft mitzutransportieren. Ähnliche Fälle findet man auch andernorts. Vielleicht noch ein Wort zur Einordnung des historischen Ereignisses, das während des ersten Koalitionskrieges stattfand, also des Krieges des revolutionären Frankreichs gegen eine Koalition von Gegnern, zum Beispiel Preußen, Österreich, Russland, Niederlande, verschiedene deutsche Fürstentümer. Da sich Württemberg weigerte mit Frankreich einen Friedensvertrag zu schließen, überschritten die Franzosen im Juni 1796 den Rhein und die Schwarzwaldpässe und marschierten in Württemberg ein. Württemberg hatte dem nichts entgegenzusetzen, und schloss dann, obwohl die Österreicher Hilfe schickten, einen Sonderfrieden mit Frankreich ab. Das war der Hintergrund für die von Pfarrer Hoelder beschriebenen Ereignisse.

Sterberegistereintrag für Friderica Margaretha Schollen vom 15.9.1776

Ich hatte ja vorhin bereits erwähnt, dass bei Durchsicht der Sterberegister leicht erkennbar ist, dass es vor den medizinischen Durchbrüchen im 19. Jahrhundert immer eine sehr hohe Kindersterblichkeit gab. Wenn man die Seiten der Ruiter Sterberegister durchblättert ist zumindest der Eindruck, dass mehr als die Hälfte der Sterbeeinträge Kinder betrafen. Es ist sicher falsch, nähme man an, dass die Eltern davon weniger betroffen gewesen wären als dies heute der Fall ist. Aber solche Emotionen sind in der Regel anhand der Einträge, die durch die Pfarrer gemacht wurden, nicht messbar. Sehr eindrücklich ist jedenfalls der Eintrag, den Pfarrer Heinrich Friedrich Scholl zum Tod seiner eigenen 5-jährigen Tochter Friderica Margaretha verfasste.

Man sieht an dem Eintrag Ende des 18. Jahrhunderts auch eine Formalisierung der Kirchenbuchführung, die aber nicht standardisiert war. In der zweiten Spalte links ist der Sterbetag, der 13. September, wie auch der Beerdigungstag 15. September eingetragen. Hier sieht man auch die Planetenzeichen, die ich vorher erwähnt habe, der Kreis mit dem Kreuz darunter, das Venuszeichen für den Freitag, der Kreis mit dem Punkt in der Mitte, für die Sonne, der Sonntag. Die Abkürzung sep. steht für sepultus, die „Beerdigung". Ganz rechts die drei Spalten für das Alter (Aetas), von rechts nach links, die Zahl der Jahre (Annus), der Monate (mens), und der Tage, die der Verstorbene gelebt hat (dies).

Eheregister 1782

Beim Durchblättern des Eheregisters von Ruit fielen zwei etwas längere Einträge ins Auge. Bei dem Paar Gottfried Schöller und Christina Margaretha Steudlen findet man diese Notiz: „Aus herzoglich landesväterlicher Gnade wurde dieses Ehepaar an dem 4ten November dieses Jahres neben anderen 9 Paaren aus so viel Orten nicht nur zu Hohenheim fürstlich gespeiset, sondern ihme auch aus eigenen Händen Serenissimi (-also vom Herzog persönlich-) 200 Gulden als eine Aussteuer genädigst mitgetheilt, und dem Bräutigam zugleich seiner Minorenität der Tax in Gnaden nachlassen, (- also die Steuer -), wofür der Höchste der reiche Vergelter sey!"

Bei dem Paar Johann Carl Jetter und Agnes Catharina Wais stand folgendes: „ Auch dieses Brautpaar genoss am 4ten November als an dem höchsten Namensfest unseres durchleuchtigsten Landesvaters, und dem Kopulationstag, - also Hochzeitstag -, desselben mit dem vorigen gleiche Gnade, und wurde nicht nur zu Hohenheim mit andern 10 Paaren aus der Nachbarschaft aufs herrlichste tractiert, sondern auch mit 200 Gulden zu einem bessren Anfang ihrer Haushaltung beschieden. Gott segne die Regierungs-Jahre unseres durchleuchtigsten Herzogs auch für diese Gnade auch mit allen Herzoglichen Felecitaeten, und bekröne sie mit langem Leben!"

Sie wissen ja dass Herzog Carl Eugen mit seiner ehemaligen Mätresse und dann verheirateten Frau Franziska auf Gut Hohenheim als Sommerresidenz lebte, das dann 1782 zu einem richtigen Schloss umgebaut wurde. Offenbar war es in dieser Zeit in Mode aufs Land zu ziehen und Kontakt zum bäuerlichen Leben zu suchen, wie es ja etwa auch Marie Antoinette tat. Vielleicht war auch die bekannte Wohltätigkeit von Franziska der Grund, dass man die zehn jungen Brautpaare aus den Dörfern der Umgebung einlud und so reich beschenkte, oder eine Mischung von beidem. Die 200 Gulden, die jedes Paar geschenkt bekam, war auch kein kleines Geschenk. Es war jedenfalls durchaus eine ernsthafte Starthilfe für ein frisches Brautpaar. Über den Einträgen kann man sehen, dass dort mit „Procl." Die Proklamation der Hochzeit angegeben ist, als soundsovielter Sonntag nach Trinitatis, was man als Datum erst einmal aufschlüsseln muss, wenn es einen genügend interessiert. Die Proklamation, also das Aufgebot, wurde im Gottesdienst als Heiratsankündigung oder Heiratsabsicht eines Paares verkündet. In der rechten Spalte findet man das Hochzeitsdatum. Genannt wurde in den Heiratseinträgen immer neben den Namen der Vermählten die Namen der Väter von Braut und Bräutigam.

Doppelseite aus Familienregister 1808-1822

Mit einem königlichen (nicht mehr herzoglichen, da Württemberg 1806 zu einem Königreich erhoben worden war) Reskript vom 15. November 1807, wurde angeordnet, die Kirchenregister nun insgesamt auf gedruckten Blättern, die von Stuttgart aus an die einzelnen Pfarrämter ausgeliefert wurden, zu führen. In diesem Reskript wurde auch angeordnet, Familienregister anzulegen. Diese sollten eigentlich alphabetisch angeordnet werden, aber da dies in der Praxis eher lästig war, so ging man überall dazu über stattdessen Namensindices anzulegen, was die Suche nach den Einträgen zu einer Person sehr erleichtert. 1808 hatte man so die Kirchenregisterführung neu geordnet, wenn man so will ein Ergebnis des Geistes der Aufklärung, der im Rechtsleben, in Staat und eben auch in der Verwaltung seine Wirkungen zeigte. Die Familienregister waren Vorläufer der heutigen Standesregister. Ihr Zweck war nicht, die kirchlichen Amtshandlungen zu dokumentieren. Das sieht man schon daran, dass nicht das Tauf-, sondern nur das Geburtsdatum angegeben wurde, nicht das Beerdigungs-, sondern nur noch das Sterbedatum. Der Pfarrer erfüllte mit Erstellung der Familienregister eine staatliche, nicht eine kirchliche Aufgabe. Im Familienregister werden auf einem Blatt die wesentlichen Daten zu drei Generationen einer Familie zusammengefasst. Im oberen Drittel sind es der Hausvater und die Hausmutter, mit jeweiligen Geburtsdaten, Geburtsorten und Eheschließung in der Mitte. Es kam öfters vor, dass ein Mann nacheinander mehrmals heiratete, oder eine Frau, allerdings so gut wie nie aufgrund von Scheidung, sondern durch den Todesfall des Partners, und der Mann brauchte dann dringend eine neue Frau, wegen der Kinder zum Beispiel, von denen normalerweise mehrere da waren, und bei der Frau dasselbe, auch zur finanziellen Versorgung. Es wurde normalerweise schnell wieder geheiratet.

Unter Hausvater und Hausmutter sind die Spalten für die jeweiligen Eltern derselben, oft mit Verweis auf deren Eintrag im Familienregister, also auf die entsprechende Seitenzahl. Bei der Doppelseite hier fehlt ein solcher Verweis, da es bereits das älteste Familienregister von Ruit ist, also konnte man auf kein älteres verweisen.

„Spurius“ im Taufregister 3. April 1750

Im unteren Drittel werden die Kinder aufgeführt, mit Name, Geburtsdatum, Konfirmation, eventuell Eheschließung und Tod, und Verweis auf den eigenen Eintrag im Familienregister. Wenn Kinder mit verschiedenen Ehepartnern aufgeführt werden, so jeweils mit Römisch I, II, III, dann immer neu durchnummeriert 1,2,3,4. Für die Namen und Angaben zu den weiteren Ehepartnern war das mittlere Feld gedacht, auf den hier gezeigten Seiten ist es leer.

Kinder aus unehelichen Verbindungen, die zum Beispiel in die Ehe mit eingebracht wurden, wurden als „spur." gekennzeichnet, also Spurius, beziehungsweise weiblich spuria. Das ist die lateinische Bezeichnung für das unehelich geborene Kind. Für die unehelichen Kinder wurden manchmal eigene Taufregister eingeführt, oder aber man findet sie im normalen Taufregister umgedreht, also auf dem Kopf eingetragen, aber nicht immer, was ich in Ruit allerdings nicht gesehen habe. Aber es gibt natürlich immer wieder Kinder, die als Spurius oder Spuria gekennzeichnet wurden, wie hier in diesem Eintrag von 1750 „Tobias Spurius". Man sieht: Auch im 18. Jahrhundert dienten die Register noch zur sozialen Kontrolle bezüglich unehelichen Geburten, wie schon bei der Einführung der Register im 16. Jahrhundert, wenn es auch nicht der einzige Grund für die Kirchenbuchführung war.

Detail aus Familienregister (Auswanderungsvermerk 1817)

In den Familienregistern wurde auch eingetragen, normalerweise zumindest, wenn eine Familie oder eine Person ausgewandert ist. Im 19. Jahrhundert findet man das häufig, dass im Familienregister steht, Familie nach Nordamerika ausgewandert, oder hinter einem Kind, das als junger Mensch den Weg in die Ferne gesucht hat, üblicherweise entweder Nordamerika oder Russland, manchmal auch Preußen, was die preussischen Ostprovinzen meinte. Nach den Kriegen im 17. Jahrhundert hatte man ja einen Bevölkerungsmangel, der durch Einwanderung ausgeglichen wurde, ab Ende des 18. Jahrhunderts war die Bevölkerung allerdings wieder sehr angewachsen, wie gesagt war die Zahl von 5-8 Kindern pro Familie normal, und mit zunehmendem medizinischen Fortschritt konnten immer mehr dieser Kinder überleben. Hier auf der linken Doppelseite, bei der Familie von Jakob Friedrich Gaisenhofer, Bürger und Ratsverwandter, also Gemeinderatsmitglied, ist auch eine Auswanderung vermerkt. Das Ziel wurde nicht angegeben. „Wanderte anno 1817 mit seiner Familie aus." Manche von Ihnen werden den Zusammenhang erkennen, vor allem, da wir ja jetzt im 200-jährigen Jubiläumsjahr sind. Im Jahr 1815 war in Indonesien der Vulkan Tambora ausgebrochen, der damals riesige über 4000 Meter hohe Vulkan wurde dadurch im Grunde genommen fast weggesprengt, ein riesiger Ausbruch, der sehr viel Asche und Schwefel in die Atmosphäre schleuderte. Die Sonne wurde verdunkelt, und zwar nicht nur für eine kurze Dauer, sondern es kam 1815 und 1816 zu erheblichen Einflüssen auf das Klima, auch in Europa: Verdunkelung, anhaltende Regenfälle, spürbarer Temperaturabstieg. Das Jahr 1816 ist als das „Jahr ohne Sommer" in die Geschichte eingegangen. Die Menschen in Europa wussten nicht, dass diese Klimaänderung mit dem Vulkanausbruch am anderen Ende der Welt zusammenhing. Die Klimaänderung führte zu Missernten, und diese wieder zu Hungersnot. Man litt sowieso noch an den Nachwirkungen der Napoleonischen Kriege, also der Koalitionskriege. Diese Naturkatastrophe befeuerte religiöse Schwärmerei, und viele wanderten aus, einerseits nach Russland, wo man Siedler suchte, manche gingen auch ganz in den Süden Russlands wegen der Nähe zum Berg Ararat, der ja schon während der biblischen Sintflut Bergungsort gewesen war, also aus religiösen Gründen. Sie wissen vielleicht, dass der württembergische Theologe Albrecht Bengel das Ende der Welt auf 1836 berechnet hat. Viele schenkten dieser Aussicht auf das baldige Jüngste Gericht Glauben und wollten dann so nahe an den biblischen Orten sein wie möglich, nach Palästina konnte man damals aber nicht, da eine Einwanderung in diese damals osmanische Provinz nicht erlaubt war. Andere suchten nur eine wirtschaftliche Perspektive, manche gingen nach Nordamerika. 1817 war jedenfalls ein Auswanderungsjahr.

Für die Familienforschung sind die Familienregister die zentrale Quelle bis zurück nach 1808, beziehungsweise bis zur Geburt der Hauseltern im jeweils ersten Familienregistern. Innerhalb weniger Stunden kann man seinen Stammbaum über mehrere Generationen zurückverfolgen. Erst vor 1800 wird der Arbeitsaufwand größer.

Kirchenbucharchiv im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart

Kirchenbucharchiv im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart

Da die Kirchenbücher eine wichtige familien- und personengeschichtliche Quelle sind wurde diese immer schon häufig genutzt. 1908 hat das evangelische Konsistorium, also die Vorläuferbehörde des Oberkirchenrats, angeregt, ein Verzeichnis der in Württemberg vorhandenen Kirchenbücher anzulegen. Der Pfarrer und Historiker Max Duncker hat dies dann umgesetzt und 1908 ein entsprechendes Buch veröffentlicht. Die Ariernachweise haben dann einen Schub bezüglich der Verkartungen von Kirchenbüchern ausgelöst, also der Erfassung der einzelnen Familien auf Karteikarten. Auch Ortssippenbücher oder Familienbücher verfolgen dieses Ziel, in neuerer Zeit auch Datenbanken. Auf Familysearch, einem Angebot, das die Religionsgemeinschaft der Mormonen betreibt, die sich aus religiösen Gründen der Familienforschung widmet, wurden auch viele Daten eingegeben. Trotz dieser umfangreichen Bemühungen sind es jedoch nach wie vor die Kirchenbücher die am stärksten nachgefragt werden. Erstens wurden diese Ortssippenbücher und ähnliches bei weitem nicht flächendeckend durchgeführt, und man kann auch nie völlig ausschließen, dass wirklich alle Angaben korrekt wiedergegeben wurden. Eine so stark genutzte Quelle wie die Kirchenbücher war auch gefährdet, bezüglich Beschädigungen durch zu starke Nutzung. Deshalb war die Nutzung über ein Ersatzmedium ratsam, und das Ersatzmedium war über viele Jahrzehnte der Mikrofilm. Bis vor wenigen Jahren lagen alle Kirchenbücher auch noch auf den Pfarrämtern, so dass eine Nutzung der Originale mit Mühe verbunden war, - es war eine Anreise nötig, es musste ein Termin auf dem Pfarramt vereinbart werden. Deshalb stellte das Landeskirchliche Archiv Stuttgart die seit den 60er Jahren im Rahmen des Kulturschutzes erstellten Mikrofilme für die Nutzung zur Verfügung. Im zweiten Weltkrieg waren Archivalien und wertvolle Handschriften vernichtet worden. Wegen dieser Erfahrung wurden und werden in Deutschland wertvolle Schriftstücke und Archivbestände verfilmt, und dann in Spezialbehältern in einem ehemaligen Silberstollen im Hochschwarzwald eingelagert, damit sie auch im Falle eines Atomkrieges zumindest abgelichtet auf Mikrofilm überdauern können. Zu diesen besonders wertvollen Quellen gehören auch die württembergischen Kirchenbüchern. Die Mikrofilme im Landeskirchlichen Archiv sind Kopien dieser im Rahmen des Kulturschutzes hergestellten Mikrofilme. Die über 2300 Mikrofilme können im Landeskirchlichen Archiv angesehen und sogar entliehen werden. Seit Ende der 90er Jahre bis heute kamen viele Besucher ins Archiv um die Filme einzusehen. Die sechs Lesegeräte waren eigentlich jeden Tag ausgebucht. Inzwischen wurde in unserem Haus auch das Kirchenbucharchiv eingerichtet, das heißt die Originalkirchenbücher wurden hier zusammengeführt, aber nicht für die Nutzung, die über das Ersatzmedium erfolgt.

Mehrere evangelische Landeskirchen haben sich inzwischen zusammengeschlossen und eine Firma gegründet, die die Bereitstellung der Kirchenbücher über das Medium des Internet ermöglichen soll. Diese Firma heißt Archion und hat ihre Geschäftsräume im selben Gebäude wie das Landeskirchliche Archiv. Elf Landeskirchen sind daran beteiligt. 2015 ging Archion ins Netz. Bis auf wenige Ausnahmen, wie etwa einzelne Bände die jetzt aufgetaucht sind, und die man bei der Mikroverfilmung noch nicht zur Verfügung hatte, erfolgte die Digitalisierung vom Mikrofilm und nicht von den Original-Kirchenbüchern. Allerdings werden qualitativ schlecht verfilmte Seiten nach und nach durch Digitalisate von Originalkirchenbüchern ersetzt, in der Regel auf Anfrage von Archion-Nutzern, die uns darauf aufmerksam machen. Es kommen regelmäßig solche Anfragen.

Archion. Beteiligte Landeskirchen

Sie sehen auf dieser Karte, dass die meisten evangelischen Landeskirchen beteiligt sind an Archion. Es werden vermutlich noch mehr werden. Man hatte anfangs auch gehofft, dass sich die katholischen Diözesen beteiligen. Insgesamt ist das Thema digitale Bereitstellung von Archivgut ein großes Thema, auch von anderen häufig genutzten Quellen. Für die Nutzung von Archion sind Gebühren zu entrichten. Natürlich werden so die Investitionen nicht wieder refinanziert, aber man hofft auf die Finanzierung der laufenden Kosten, vielleicht sogar mit einem kleinen Plus, so dass Landeskirchen, die sich bislang wegen der Kosten nicht für eine Mitwirkung entschieden haben, unterstützt werden können. Sie können sich über die verschiedenen Modalitäten auf der Homepage erkundigen, wie auch über Aktionen.

Man kann in Archion vor Abschluss eines Abos prüfen, ob die Kirchenbücher, die man benötigt vorhanden sind. Was grün unterlegt ist, ist vorhanden. Die Digitalisate kann man dann aber nur nach Registrierung anschauen. Man kommt von der Startseite über „Browse" zu den Kirchenbuchlisten und klickt sich dann von den Archiven und Kirchenbezirken bis hinunter zu den einzelnen Pfarrorten, und kommt dann, wenn man denn Kunde ist, direkt zu den Digitalisaten.

Auf Archion selber finden Sie nicht nur die Kirchenbuchdigitalisate, sondern auch weitere Möglichkeiten. Sie können sich zum Beispiel auch über ein Forum mit anderen Familienforschern austauschen. Es wurden dort auch einige Leseübungen bereitgestellt und eine Schrifttafel mit den Buchstaben der alten Schrift. Ohne Lesefähigkeit der deutschen Schreibschrift kommt man nicht weit, aber es ist ja auch interessant, sich diese Kenntnisse anzueignen.

Evangelische Kirchenbücher in Württemberg. Eine Arbeitshilfe für die historische und familiengeschichtliche Forschung. Herausgegeben von Michael Bing und Andreas Butz im Auftrag des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart und des Vereins für württembergische Kirchengeschichte, Zweite erneuerte und verbesserte Auflage, Stuttgart, 2016. Aus dem Inhalt der Broschüre: Geschichte und Aufbau der Kirchenbücher Abbildungen mit Transkriptionen Praktische Tipps für die Familienforschung Kirchenbuchnutzung Kirchenbuchportal Literaturverzeichnis Abkürzungen/Begriffe aus den Kirchenbüchern, Schrifttafel Zu beziehen beim Verein für württembergische Kirchengeschichte für 5,00 €

Unser Archiv bietet auch in Zusammenarbeit mit Archion vierteljährlich ganztägige Kurse an. „Vom Kirchenbuch zur Datenbank". Ich kann Ihnen nachher ein Faltblatt mit Terminen geben, wenn Interesse besteht.

Lesehilfen zur deutschen Schrift, aber auch Literaturhinweise, Hinweise zum Vorgehen bei der Familienforschung mit württembergischen Kirchenbüchern finden Sie auch in der wie wir sagen „Kirchenbuchbroschüre", eigentlich heißt das Heft: „Evangelische Kirchenbücher in Württemberg. Eine Arbeitshilfe für die historische und familiengeschichtliche Forschung", und ist letztes Jahr in der zweiten Auflage erschienen. Das Heft umfasst 35 Seiten, farbige Abbildungen, und wurde vor der Neuausgabe aktualisiert, und umfasst auch einen Beitrag zu Archion. Es kann für 5,00 € beim Verein für Württembergische Kirchengeschichte bestellt werden.