1. Akten der Kirchenleitung vor 1924

Die zentrale kirchliche Behörde zur Zeit des Herzogtums und des Königreichs Württemberg war der Kirchenrat, der - nach verschiedenen und oft wechselnden Übergangsbehörden - durch die Große Kirchenordnung Herzog Christophs 1559, zusammen mit Oberrat und Rentkammer, geschaffen wurde. Das Gremium setzte sich aus zwei Bänken zusammen, der von Theologen besetzten geistlichen Bank und der mit weltlichen Räten, meist Juristen, besetzten politischen Bank. Der internen Gliederung entsprach die funktional geschiedene Aufgabenzuweisung:
- Der geistlichen Bank des Kirchenrats oblag die Besetzung der Pfarrstellen, das Examen der Kirchen- und Schuldiener, die Abwehr der Sekten sowie die Verwaltung der allgemeinen Kirchensachen. Ihren archivischen Niederschlag fand die Arbeit der geistlichen Bank, für die sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Bezeichnung Konsistorium einbürgerte, in den Beständen A 1-32 des Landeskirchlichen Archivs.
- Die politische Bank des Kirchenrats hatte das im Kirchenkasten zentralisierte kirchliche Vermögen des Landes zu verwalten. Außenstellen, die geistlichen Verwaltungen, zogen die Gefälle ein und reichten den Pfarrern nach genauen Verzeichnissen, den sog. Kompetenzbeschreibungen, ihre Besoldung. Zu beachten ist, dass die Überlieferung der politischen Bank des Kirchenrats nur teilweise im Landeskirchlichen Archiv verwahrt wird. Der weitaus größte Teil der Überlieferung befindet sich im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (A 282-288).

 

Im Jahre 1698 wurden die beiden Abteilungen endgültig getrennt, Konsistorium und Kirchenrat (d.h. die ehemalige politische Bank des Kirchenrates) bestanden nunmehr als eigenständige Behörden unter einem jeweils eigenen Direktor nebeneinander (mit Ausnahme der Jahre 1732-1737). Bereits zuvor, 1660/68, war die Oberaufsicht über Konsistorium und Kirchenrat vom Landhofmeister - die Stelle wurde nicht mehr besetzt - auf den Geheimen Rat übergegangen. Konsistorium und Kirchenrat hatten damit nur noch den Rang von Mittelbehörden (ebenso wie Oberrat und Rentkammer), der Weg zum Herzog ging nur noch über den Geheimen Rat (dem der Direktor des Konsistoriums allerdings zeitweilig angehörte). Zur Zeit der Herzöge Karl Alexander (1684-1737) und Karl Eugen (1728-1793) wurde der Geheime Rat zeitweise seinerseits vom Konferenzministerium bzw. Kabinettsministern in den Hintergrund gedrängt (ab 1735), ehe er mit der Bestätigung des Erbvergleichs im Jahre 1770 wieder in seine verfassungsmäßigen Funktionen eingesetzt wurde. An der Bearbeitung kirchlicher Angelegenheiten waren somit vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis zum Ende des Herzogtums 1803 befasst:
- Geheimer Rat:
- Aufsichtsbehörde für Konsistorium und Kirchenrat
- Ernennung der Prälaten und Generalsuperintendenten
- Konsistorium:
- Fragen der kirchlichen Lehre und des Gottesdienstes
- Prüfung, Ernennung und Bestrafung der Kirchen- und Schuldiener
- Aufsicht über die Schulen
- Fragen der kirchlichen Lehre und des Gottesdienstes
- Oberrat (seit 1710 Regierungsratskollegium genannt): Behandlung der Causae mixtae unter Beiziehung von 1-2 Konsistorialräten), d.h.
- Ehesachen
- Besoldung
- Zehntrechte
- Ius episcopale
- Polizeisachen
- Irrlehren
- Kirchenrat:
- Kirchliche Vermögensverwaltung


Bei der Verwaltung der kirchlichen Angelegenheiten war von Anfang an eine weitere Behörde maßgebend beteiligt, der Synodus. In seiner endgültigen Gestalt durch die Große Kirchenordnung von 1559 festgelegt, setzte er sich aus den Mitgliedern des Kirchenrats (Konsistorium) und den Generalsuperintendenten zusammen. Seine Befugnisse blieben über die Jahrhunderte weitgehend unverändert und überdauerten auch den verfassungs- und verwaltungsgeschichtlich bedeutsamen Umbruch zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Der Synodus hatte die jährlich zunächst zweimal, dann nur noch einmal einlaufenden Berichte der Generalsuperintendenten über die Visitation der einzelnen Pfarreien zu besprechen und die nötigen Reskripte zu erlassen. Seine Hauptaufgabe bestand in der Vorbereitung kirchlicher Gesetze.

 

Der Übergang vom Herzogtum zum Königreich Württemberg bildete für die evangelische Kirche auch verwaltungsmäßig eine tiefgreifende Zäsur mit erheblichen Folgen:
- 1806 übernahm der König durch Dekret das gesamte Kirchengut in unmittelbare staatliche Verwaltung. Der Kirchenrat wurde aufgelöst, seine Aufgaben übernahm das Oberfinanzdepartement.
- Für die Übergangszeit 1803 bis 1810 bildeten sich eine Reihe von Behörden heraus, die ihren Niederschlag u.  a. in den B-Beständen (Neuwürttembergische Kirchenstellen)  des Landeskirchlichen Archivs fanden. Zu nennen sind insbesondere das Oberkonsistorium in Heilbronn für die neuwürttembergischen Gebiete (1803-1807) sowie die Oberlandesregierung und der Evangelische Kirchenrat Ellwangen.
- Das Konsistorium existierte unter der Bezeichnung Evangelisches Oberkonsistorium fort, war allerdings reine Mittelbehörde geworden, deren Zuordnung in dem sich nur allmählich stabilisierenden Behördenaufbau häufig wechselte:
- 1806-1811: Geistliches Departement des Staatsministeriums
- 1811-1816: 10. Sektion des Staatsrates
- ab 1817: Minister des Innern, Kirchen- und Schulwesens.

 

Die wichtigsten mit der Bearbeitung kirchlicher Angelegenheiten befassten Behörden waren somit bis zum Ende des Königreiches:
- Geheimer Rat: oberste Staatsbehörde. Zuständig für die Fragen von Staat und Kirche sowie der Kirchen untereinander. Nach der Verfassung von 1819 hatte er auch das Vorschlagsrecht für die höheren Kirchenstellen.
- Minister des Innern, Kirchen- und Schulwesens: Regelung der Verhältnisse aller im Staat bestehenden Kirchen, Aufsicht über die Verwaltung der Stiftungsfonds, Aufstellung der kirchlichen Etats, Beaufsichtigung des Schulwesens. Nachgeordnet waren:
- Evangelisches Konsistorium: Seit der Verfassung von 1819 Verwaltung des Kirchenregiments durch Konsistorium und Synodus
- Katholischer Kirchenrat
- Studienrat
- Oberfinanzdepartment: Verwaltung des 1806 in unmittelbare staatliche Verwaltung übernommenen Kirchenguts
- Kreisregierungen (Neckarkreis, Schwarzwaldkreis, Jagstkreis, Donaukreis): 1817 geschaffen, oblagen ihnen auf kirchlichem Gebiet insbesondere Besoldungsfragen, Baulasten, Stiftungsangelegenheiten, Kirchenkonvente und Kirchenpolizei.


Für die Entwicklung des kirchlichen Lebens im 19. Jahrhundert ist die wachsende Zahl der neu entstehenden synodalen Einrichtungen kennzeichnend, insbesondere die Evangelische Landessynode, die 1869 erstmals zusammentrat.


Nach dem Ende des Staatskirchentums gingen die bisherigen landesherrlichen Kirchenregimentsrechte auf die Evangelische Kirchenregierung über, die sich im November 1918 konstituierte. Konsistorium und Synodus blieben bestehen. Mit Gesetz vom 12. Februar 1919 wurde zur Neugestaltung der Verfassung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg eine Landeskirchenversammlung einberufen, die an die Stelle der Landessynode trat und deren verfassungsmäßige Funktionen wahrzunehmen hatte. Auf Antrag der Evangelischen Oberkirchenbehörde und unter Zustimmung der Landeskirchenversammlung wurde am 24. Juni 1924 die Verfassung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg verkündet. Konsistorium und Synodus gingen in dem neu geschaffenen Oberkirchenrat auf, die württembergische Landeskirche blieb in Übereinstimmung mit der Weimarer Reichsverfassung Körperschaft des öffentlichen Rechts.


Zusammenfassung: Der Aktenbestand, den das Landeskirchliche Archiv aus der Zeit des Herzogtums und des Königreichs Württemberg sowie der Übergangszeit 1919-1924 verwahrt, entstammt in erster Linie der Registratur des Konsistoriums. Der Synodus führte nie eine eigene Registratur, seine laufenden Geschäfte wurden von Anfang an vom Konsistorium miterledigt und schlugen sich daher in den Konsistorialakten nieder. Auch die Akten der von 1919 bis 1924 als Übergangsbehörde wirkenden Evangelischen Kirchenregierung wurden im Konsistorium verwahrt und gehören deshalb ebenfalls zur Registratur des Konsistoriums. So wertvoll und unentbehrlich die Überlieferung des Konsistoriums für die Erforschung der württembergischen Kirchen- und Landesgeschichte ist, sollte bei der Benutzung des Bestandes stets bedacht werden, dass das Konsistorium seit 1660 nur Mittelbehörde war und in vielen Fragen keine Letztentscheidungen fällen konnte. Für zahlreiche Fragestellungen müssen daher die in den Staatsarchiven verwahrten Akten der übergeordneten staatlichen Stellen herangezogen werden. Hervorzuheben sind das HSTA Stuttgart, in dem altwürttembergischen Bestände verwahrt werden (A 63-67, 280-289), sowie das Staatsarchiv Ludwigsburg, in dem die neuwürttembergischen Bestände, die Überlieferung der Behörden der Übergangszeit (um 1803-1817) sowie der mit kirchlichen Angelegenheiten befassten Ober- und Mittelbehörden liegen.

 

 

2. Akten der Kirchenleitung nach 1924


Mit der verfassungsrechtlichen Selbstständigkeit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg seit dem 1. April 1924 wuchsen auch die Befugnisse der Kirchenleitung, da die Landeskirche "ihre Angelegenheiten innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes selbstständig ordnet und verwaltet". In den im Landeskirchlichen Archiv verwahrten Akten der Leitung der württembergischen Landeskirche findet dies seinen Niederschlag.